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Bild Dunedin Railway Station's main hall [1]
The Grand Hotel Corner of Princes an High Streets Dunedin, New Zealand
30. November 1960
Die Königin der Südsee empfing mich gestern in Christchurch bei schönstem Sonnenschein. Der Sekretär meines Gastgebers des Workers' Compensation Board Herr Jan Campbell nahm mich am Flugplatz in Empfang und brachte mich in ein wundervoll altmodisches feines Hotel in dieser „englischsten Stadt außerhalb Englands“. Um 7 Uhr früh bekam ich heute daher meinen Morgentee (the early morning tea) ans Bett. Die Zeit geht hier bei den Antipoden 11 Stunden vor. Während ich mir überlegte, bald aufzustehen, dachte ich daran, dass Du jetzt in Hamm um 9 Uhr abends überlegst, bald ins Bett zu gehen. Um 8 Uhr gab es Frühstück (den 2. Tee). 8.45 Uhr entführte uns der Dampfzug (I. Klasse, schöner Fensterplatz mit zwei-etagigen Fußstützen) in 6 ½ -stündiger Fahrt nach Dunedin, der Hauptstadt der Provinz Otago. Um 10 Uhr Halt in Asburton, damit alle Reisenden ihren 3. Tee nehmen konnten. Um ½ 2 Uhr 25 Minuten Mittagspause in Oamaru (Speisewagen gibt es nicht) mit dem 4. Tee. Um 3 Uhr Halt in Palmerston, um den Nachmittagstee (= 5. Tee) zu nehmen, und als wir um ½ 5 Uhr in Dunedin anlangten, rief der Schaffner aus, 10 Minuten Teepause (auf diesen 6. Tee verzichteten wir, um erst mal ins Hotel zu fahren). Ich fragte Campbell, wie viel Tassen Tee der Neuseeländer täglich trinkt, er meinte etwa 12.
Nun werden Dich meine ersten Eindrücke von der Südinsel interessieren. Christchurch ist wie die australischen Städte eine Gartenstadt mit einer Unzahl von Eigenheimen im eigenen Garten. Die 6 ½- stündige Fahrt zeigte mir immer wieder Holzhäuschen mit farbigem Anstrich (grau, gelb, blau, rötlich usw.) in umgebenden Gärtchen. Statt der in Australien üblichen Aluminiumgestelle für Wäsche, die sich wie Windmühlen bewegen und dabei die Wäsche schnell trocknen, sah ich hier noch die altmodische Wäscheleine. Grün herrschte im Landschaftsbild vor. Grünende Hügel und saftige Wiesen, auf denen wie weiße Tupfer soweit das Auge reichte, weidende Schafe standen, begleiteten mich viele Stunden. Wenn man hört, dass auf jeden Neuseeländer 20 Schafe kommen, wird das verständlich. Auch Rinderherden und Vollblutpferde sah ich öfters, in einem Hundeabführring langhaarige Collies und Setters. Von Wild sah ich nur einen, freilich besonders schönen Hasen, der sein Männchen machte, Enten und Möven. Übrigens liegt hier bei Dunedin der einzige Nistplatz von Albatrossen, wo dieser stolze König der Seevögel in Menschennähe nistet. Die blühenden, vielfach baumbestandenen Hänge, im Hintergrund die Kette der schneebedeckten neuseeländischen Alpen, im Vordergrund oft an Bergseen erinnernde Meeresbuchten, ließen an die Schweiz oder Oberbayern denken. Die Vegetation unserem Frühsommer entsprechend, am Bahndamm leuchtend goldene Ginsterbüsche sich abhebend von hellgelb blühenden Lupinen. Auch die Dolden des Goldregens, die weißen Holunderbüsche, Butterblumen, Schafgarbe, Klee und blühende Gräser, Trauerweiden, Eichen in frischem Grün, Ahornbäume und Kiefern glichen heimischen Gefilden. Dazwischen aber stehen Palmen, die hohen Eukalyptusbäume, Kauarinen, Baumfarne und herrliche Exemplare von Zedern und anderen mächtigen Koniferen, die Europa fremd sind. Fremd lauten auch viele der Stations- und Schiffsnamen Papanui (der dicke Vater), Monganui (der dicke Berg), alles Maorinamen. Auf der 1. Teestation sah ich nun erstmalig echte Maori unter den Mitreisenden. Sie sehen wie Süditaliener oder Araber aus. Braunhäutig mit tiefschwarzen Haaren und dunklen Augen, etwas breite Gesichter, stolz und schön, keine Augengläser wie die Japaner. Die meisten leben auf der Nordinsel, wo ich ihre Siedlungsgebiete kennen lernen werde. Sie zählen 140.000 unter den 2 ¼ Millionen Einwohnern von Neuseeland. Ihre klangreiche Sprache hält sich nur durch Tradition, da ihre Schulen englisch sind. Aber auch mit der englischen Sprache hatte ich meinen Spaß. Auf der Mittagsspeisekarte stand Chow Chow. Ich dachte natürlich an die Hunde; doch ist es ein neuseeländisches Gemüse, das etwa wie Ingwer schmeckt. So erlebe ich wieder viel Interessantes, darunter auch, dass es kälter wird, je weiter man nach Süden kommt. Südlich liegt ja hier nur noch der Südpol. Die Amerikaner haben Christchurch ihre Basis für die Antarktis eingerichtet und ich sah ihre Flieger von dort (17 Flugstunden) nach Neuseeland einfliegen. Kaum hatte ich mir den deutschen warmen Reiseanzug angezogen, erschien ein Zeitungsvertreter, um mich zu interviewen. Auch das morgige Programm ist groß (Besuche bei Rektor und Dekan, abends Vorlesung in der Medizinschule).
Grand Hotel, Dunedin, N.Z.
1. Dezember 1960
Da der Sommer hier erst am 10. Dezember beginnt, ist es Spätfrühling und daher Regentag. Ich trug erstmalig den Hütermantel seit Frankfurt. Weil keine Zimmerheizung, werden die Bettmatratzen elektrisch geheizt. Auch eine Brettklappvorrichtung am Bett war mir neu, sie ist für den 7 Uhr Frühtee. Der heutige Tag war nicht einfach. Zunächst Besuch bei Dr. C., dem Leiter der arbeitsmedizinischen Abteilung des Gesundheitsdepartment, der auch die Industrial Health Clinik leitet, dann beim Superintendanten der Krankenhäuser Otagos, darauf beim Professor für Präventivmedizin an der Universität Prof. Dixon, darauf beim Dekan Prof. Sayers. Dann kam ein Rundfunkinterview. Ich bekam 5 ziemlich knifflige Fragen vorgelegt, musste sie verstehen und überlegen und zugleich vor dem Mikrophon englisch beantworten. Nun es klappte. Mein Zeitungsinterview durch „The Otago Daily Times“ anbei. Sehr schön war der Besuch des Otago Museums mit den ausgerotteten riesenhaften Moas, die viel größer als Strauße waren und dementsprechende Rieseneier legten. Auch die Eier der Albatrosse mit 3 m Flügelspanne erstaunten mich, sie übertreffen ein Gänseei um die Hälfte. Die von dem Deutschen Hochsteter entdeckte gleichfalls ausgestorbene Notornis, die Takahe der Maoris, war eine Art Riesenhuhn. Sehr interessant auch die nicht fliegenden grünen Papageien Kakapo (Strigops), die in den Wäldern der Westküste leben. Auch die den Schafherden so gefährlichen Fleisch fressenden grauen Keas (Papageien) und den nicht fliegenden nächtlichen Laufvogel Kiwi sah ich hier. Sehr schön die Ausstellung der Maori Kriegsboote, ihrer Häuser und reichgeschnitzten Gebrauchsgegenstände. Prächtig die aus Grünstein (Nephrit) gearbeiteten Schmuckstücke Hei-Tikis (Hei Nacken oder Brust, Tikis Schmuck). Als zweites Museum besuchte ich die Bildergalerie mit etwa 20 Sälen englischer und neuseeländischer Maler, viele mit Landschaftsmotiven aus Neuseeland. Eine eindrucksvolle Stunde. Als drittes Museum führte man mich in die Gedenkhalle der ersten Siedler mit Stuben, Küchen, vor 120 Jahren, zahllosen Bildern der alten Siedlerfamilien, alle mit mächtigen Vollbärten, die Damen in der Tracht um 1840. Alte Postkutschen, Ochsenwagen, Goldwäscherzelte usw. waren der weitere Inhalt. Zwischendurch Teetrinken. Da ich meinen Vortrag noch umbauen sollte, erreichte ich mit Mühe dafür ½ Stunde Zeit. Dann folgte schon wieder das Abendessen (6 ½ Uhr) und um 8 Uhr der sehr gut besuchte Vortrag in der Medizinschule der Universität von Otago in Dunedin, „das Edinburgh der Südsee“ unter Vorsitz und vorheriger Einführung durch Prof. S. Ich sprach 50 Minuten ohne Lichtbilder, dann folgten die Diskussion und schließlich der unvermeidliche Tee (mein 7. heute). Ich hatte den Eindruck, dass mir der Vortrag gelungen war. Nun will ich Dir noch schnell vor dem Schlafengehen (11 ½ Uhr) diese Zeilen senden, da ich morgen zu der großen Wochenendfahrt nach Zentralotago starte.
Eichardts Hotel, Queenstown, New Zealand
3. Dezember 1960
Nachdem ich am 1. Dezember in Dunedin 5 Besuche bei Würdenträgern gemacht, 2 Kliniken besucht, 3 Museen besichtigt, 1 englische Rundfunkansprache, 1 englischen Vortrag, 1 halbstündige englische Diskussion gehalten, 3 Mahlzeiten mich mit Neuseeländern unterhalten, 10 Weihnachtsgrüsse versandt und 8 mal Tee getrunken habe, scheint mir meine Leistungsfähigkeit befriedigend. So konnte ich mich nun bei bestem Wohlbefinden einem großartigen, aber etwas anstrengenden Wochenende hingeben. Im Wagen des Herrn R., Versicherungsbeamten in Dunedin, fuhren wir zu dritt (Mister C. Mister, R. und ich) zunächst 8 Stunden durch Otago bis wir jetzt hier an dem berühmten Wakatipu See in Zentralotago angelangt sind. Mein Zimmer in dem 1871 erbauten Hotel Eichardt's hat einen sehr schönen Seeblick und ich sah als erste 2 der stattlichen Kanadagänse mit schwarzem Kopf, wie Du sie aus den Kanadabriefmarken kennst, die man in Neuseeland zur Belebung der Landschaft eingeführt hat. Mit zahlreichen Möwen, Wildenten und karpfengroßen Riesenforellen stritten sie sich um die Beute, als wir einige Brotkrumen ins Wasser warfen. Ein weisser Dampfer mit rotem Schornstein, der Seemaster, liegt am Landungskai und ein Streifen feinen Kiessand unter Araukarien lädt zum Baden ein. Doch ist es dazu in dem kalten Wasser des über 300 m tiefen Bergsees noch zu früh. Prachtvoll war eine Fahrt durch die geradezu urwaldartige Vegetation am Seeufer entlang, bis der Fährweg auf einer Farm endete. Ein Grossteil des Weges von blühenden Ginstersträuchen gesäumt. In diesem Walddickicht hatte ich auch das Glück, den Bell Bird (Glockenvogel), einen kuckuckgrossen Neuseeländer zu hören. An Wild sah ich einige Hasen (die der Neuseeländer nach englischem Vorurteil ebenso wie der englischstämmige Nordamerikaner nicht isst) und auch einige Kaninchen, sie bevölkerten einst zu Millionen die Insel; da ein Kaninchen angeblich 4 mal soviel Grün frisst wie ein Schaf, wurde ihnen von den Schafzüchtern erbitterter Kampf angesagt. Die Insel ist sonst arm an Tieren, Hirsche, Gemsen, Thar wurde eingeführt. Ich sah nur Raubvögel, Amseln, Enten, Kleinvögel, aber keine Eidechsen, Schmetterlinge und Käfer, die das Reisen in anderen Ländern so reizvoll machen. Dafür ist die Natur jedoch großartig. Ähnlich den Karawanken am Wörthersee fällt am Wakatipussee das Auge auf die Remarkables (die Bemerkenswerten). Sie waren nicht wie der Himalaya eine einzige Eismauer, sondern nur auf ihren Graten und in ihren Klüften und Rissen mit Schnee wie mit Zucker bestreut und boten sich mir beim Erwachen in Queenstown noch malerischer nach nächtlichem Schneefall dar. Etwas Einmaliges aber erlebte ich durch den Besuch der einstigen Goldgewinnungsstätten von Otago (verballhornisierter Maoriname für das Land, in dem Ockerfarbe gefunden wurde). Vor genau 100 Jahren war der grosse Goldrausch über Otago gekommen. 1860 wurden 1000 Zelte von Golddiggern am Ufer des Wkatipu Sees auf dem Boden des heutigen Queenstown gezählt und 1863 arbeiteten 80.000 Goldsucher im Otagobezirk. Das Gold wurde aus den Flussbetten durch Waschen gewonnen. Der berühmteste Fluss war der Shotover, der durch eine fast unzugängliche Bergwildnis fliesst. Wir fuhren auf den Saddle, einen 2000 Fuss (1 m = etwa 3 Fuss) hohen Bergkegel, von dem ein weiter Ausblick auf die Bemerkenswerten, den Wakatipu und Hayes See und die umgebenden Alpen ist. Von hier führt ein steiler Abzugsgraben bis hinunter zum Flussbett des Shotover. Ein Warnungsschild „Dieser Pfad ist nur von ganz sicheren Fahrern zu befahren“, liess uns ahnen, was bevorstand, aber die Goldlagerstätten hatte man extra für mich als Ziel ausgesucht. Einfahrt zum Höllentor (hells gate) lautete der Wegweiser, eine spitze Haarnadelkurve trug die Aufschrift des Teufels Ellenbogen (devils ellbow) usw., phantastisch verwitterte Felsformationen, das Felsenschloss (rock castle), der Maorikopf, Pinchers Bluff, die Ruinen einer Trink- und Verpflegungsstation der Goldgräber, steinerne Totenkreuze machten die Fahrt gruselig. Robinson erwies sich als vorzüglicher Fahrer, der immer am Abgrund entlang (hier fährt man links) den vielen Windungen des Goldflusses folgte, der in der Tiefe schäumte. Und hier sah ich noch verrostete Eisenrohre und Drehrollen, über die vor 100 Jahren einst die Goldwäscher ihre Seile und Eimer zogen. Neuseelands höchste Hängebrücke, die 100 m über dem Flussbett schwebt und 100 m lang ist, passierten wir vorsichtig und gelangten auf ein Bergmassiv, die Skippers, auf der die höchstgelegene Farm einige Häuser betreibt. Hier war die Welt für uns zu Ende und wir mussten zurück über Schwebebrücke, den Schluchtweg am Fluss und endlich den grossen Abzugsgraben hinauf durch und an den schon genannten Felsgebilden vorbei. Ein Habicht ging vor uns auf, sonst war es totenstill und düster, nur an manchen tieferen Stellen war das Rauschen des Flusses hörbar. Unvorstellbar hier das Leben vor 100 Jahren. Am Golde hängst, nach Golde drängst, doch alles, ach wir Armen, kam mir ständig dabei in den Sinn. Heute früh aber sollte ich meine Goldsucherkenntnisse noch erweitern können. Wir fuhren zunächst nach der alten Goldgräberstadt Arrowtown, die noch die alten Steinhäuser der Digger und ein Museum aus der Goldzeit Otagos aufweist. Dann ging es den steilen „Zickzack“ Weg hinauf auf den 3676 Fuss hohen Crown Range und von hier das lange Tal des Cardrona hinunter, dessen goldführendes Bachgestein von den Goldwäschern gründlich durchsiebt wurde. Ich sah zahlreiche Steinhalden zu beiden Bachseiten, die von der Arbeit der Goldsucher zeugten, ferner noch die Saumpfade, auf denen offene Wasserrinnen das zum Waschen so wichtige Wasser einst herbeiführten. Vom Cardronatal gelangten wir zum Wanaka See mit prachtvollem Blick auf die Schneeberge. Hier blühten palmenartige Bäume, die aloeartige Blätterbüschel mit gelben Blüten haben. Die Neuseeländer nennen sie cabbage tree (Kohlbaum). Wir nahmen hier um ½ 11 Uhr unseren gewohnten 3. Tee am Tage. Prächtig blühten die Lupinen, die ihre gelben, rosa oder blauen Kerzen aufgesteckt haben, daneben Heckenrosen und überall der herrlich leuchtende Ginster. Dann folgten wieder wüstenartige Landstriche mit Dornbüschen. Wie Oasen stehen in Flussnähe gewaltige Baumriesen, meist Nadelhölzer und dokumentieren die Güte des Bodens, wo er genug Wasser hat. Als dritten Goldfluss lernte ich den Karawan kennen. Auch hier sah ich noch Spuren der Goldsucher. Sie mehrten sich, als wir zu dem Städtchen Cromwell kamen, bei der die grünen Wasser des Kawaren in die blauen der Clutha fließen. Sie ist der größte und längste Fluss der Südinsel. Ganze Steindämme von ausgewaschenen Flusskieseln begleiten den Fluss als Werk der Goldwäscher und unter den Felsvorsprüngen am steinigen Ufer haben einst die Digger gehaust, wie Höhlenbewohner der Steinzeit. Cromwell selbst zeigt den typischen Anblick aller Otagostädtchen, eine lange Hauptstrasse mit einstöckigen Läden, ein Krankenhaus, eine Feuerstation, eine Reihe Kirchlein (methodist., presbyterian., baptistisch usw.), ein Heilsarmeegebäude und mehrere Ausschanks (pub), die ihre Schankerlaubnis wie in Australien nur erhalten, wenn sie im Oberstock noch einige Gastzimmer haben und sich daher Hotel nennen. Dann folgen noch einige neuere Häuser (Eigenheime im Villenstil), deren Blechdächer mit leuchtendem Rot, tiefem Grün, freundlichem Blau oder weiss gestrichen sind, wodurch diese Bauten viel freundlicher aussehen als die verrosteten ungestrichenen Wellblechdächer der Kosta Rika Hauptstadt San José. Eine vorzügliche Autostrasse brachte uns immer am Clutha Fluss entlang nach Clyde und hier änderte sich plötzlich der Charakter der Landschaft. Waren bisher die Ufer des Flusses steinig oder boten spärliche Weiden für Schafe, Rinder und gelegentlich für ein Pferd, so sahen wir nun zahlreiche Obstplantagen. Einem französischen Goldwäscher Ferraud, der einst Bürgermeister von Clyde wurde, ist die Entdeckung des Obstanbaus in Otago zu danken. Es werden meist Steinobst (Pfirsiche, Aprikosen und Nektarinen) angebaut, doch auch Äpfel und Kirschen. Der Obstertrag wird auch exportiert und hat viel eingebracht. Neben der Villa eines Obstzüchtern sah ich ein Kleinflugzeug im Garten stehen. Auf der Hinfahrt nach Queenstown hatte ich nicht einen Obstbaum gesehen, dafür zahlreiche Farmen mit ungezählten Schafen. Auch diese bringen gute Einnahmen, wie mir ein Blick auf die parkenden Straßenkreuzer der Schafzüchter in der Hauptstrasse des Landstädtchens Gore zeigte. Die Fahrt durch das Fruchtland am Clutha war aber noch interessanter. In Alexandra speisten wir zu Tisch (4. Tee). Dort lagen in einem Obstladen auch chinesische Stachelbeeren, von denen mir der aufmerksame Campbell 1 Pfund kaufte. Sie sind groß wie Pflaumen, haben eine harte Schale, die man mit dem Messer aufschneidet und dann die Frucht auslöffelt. Köstlich, etwas feiner noch, aber sonst gleicher Geschmack wie unsere Stachelbeere. Der Vetter von Robinson hatte ein Obstgut, das wir besuchten. Bei ihm waren gerade die Erdbeeren reif. Nochmals wurden wir an die Goldgräberzeit durch ein Denkmal am Flusse für die 1863 im Schneesturm hier umgekommenen Goldwäscher erinnern. Dann kam uns ein Auto entgegen mit der Aufschrift: Gefahr, schwere Last. Wir brachten uns am Straßenrand in Sicherheit. Und was folgte? Zwei Lastwagen mit je einem vollständigen weiß gestrichenen Holzhaus als Ladung. Nachdem wir in Roxburgh, der Fruchtkapitale von Zentralotago noch eine grosse Kraftstation mit Stausee, in Beaumont ein Pferderennen (schöne Vollblüter) und am Waihola See Wegweiser zu Picknickplätzen gesehen hatten, traf ich sehr befriedigt nach 800 km Fahrt wieder in Dunedin ein.
Hotel St. George, Wellington, N.Z.
Sonntagabend, 4. Dezember 1960
Da stürzen unendliche Wasser herab, von den Bergen stürzen die Quellen, die Flüsse und Ströme schwellen, Dunedins Flugplatz ward wie ein See, die Krähe aber erlag einer Bö, und so mussten wir im Tourenauto durch das regnende Land fahren bis Oamaru. Schafe im Regen, wo sie Bäume haben, stehen sie darunter, wo sie keine haben, schauen sie empört dumm in die Gegend oder schicken sich in ihr Geschick und fressen nasses Gras. Blecherne Störche, denen der Regen nichts ausmacht und Kartoffeln stehen in den Gärten der Landhäuser. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Nordotago lebt von der Landwirtschaft. So wie gestern die Schaffarmen und Obstgärten, so heute die Hühnerfarmen, Leghorns schneeweiß und tintenschwarz. Wo gestern die Schilder frische Erdbeeren den Weg säumten, dort heute die Schilder frische Eier. Wir kommen auf den Flugplatz Oamaru, der keine Startbahnen hat, sondern nur eine Grasnarbe. So bin ich 1000 km durch Otago gefahren und habe das schöne Land lieben gelernt. Zunächst eine Tasse Tee, die 4. am Tage, da Früh- und Morgentee im The Grand in Dunedin, die 3. auf dem Flugplatz gefolgt war. Die Neuseeländer sind die vorsichtigsten Flieger und rühmen sich, noch keinen Unfall gehabt zu haben. Sie lassen vor jedem unsicheren Start erstmal die Maschine ohne Passagiere fliegen. So hatte es die Pakara (Krähe) auch heute früh in Dunedin versucht, aber es ging nicht. Mittags holte uns nun die Piwakawaka (Fächerschwanz) in Oamura ab und brachte uns bis Christchurch. Dort 2 ½ Stunden warten – natürlich 5. Tasse Tee – und dann kam die Popotea (Weisskopf) und brachte uns nach Wellington. Alles dies sind Maorinamen für neuseeländische Vögel, sie sollen dem Ruf derselben nachgebildet sein. Der Glockenvogel (Bell Bird) heisst Korimako und benamst auch ein Flugzeug. In Christchurch hatte ich trotz des Regens viel Glück. Am Vortage war das Maori Gesellschaftshaus in Christchurch unter Teilnahme des Ministerpräsidenten eingeweiht worden. Es waren an 1000 Maori von der Nordinsel als Gäste gekommen, darunter die 6 Maori Abgeordneten des Parlaments, unter ihnen eine sehr bekannte Maoriführerin. Ich sah die alte Dame, deren schneeweisses Haar vortrefflich zu dem schokoladenfarbenen Teint abstach. Ihre Verehrerinnen verabschiedeten sich von ihr durch Nasenreiben. Ich sah diesen Gruß zum ersten Mal in meinem Leben, muss aber gestehen, er ist auch nicht schlimmer als wenn Europäer die Lippen spitzen und sich auf Bahnhöfen und Flugplätzen busseln. Drei Maoridamen in dunklen Kopftüchern, die mit dem Direktor des Christchurch-Museums sprachen, wirkten direkt vornehm und zeigten nachher moderne Hüte und Pelzjacken. Auch ein früherer Maoriminister (alter Herr, der Nehru ähnelte) war darunter. Diese Spitzen der Maori Gesellschaft flogen mit der Popotea auf die Nordinsel zurück, so dass ich interessante Beobachtungen machen konnte. Der Flug durch Neben und Regen verlangte, dass wir die ganze Zeit angeschnallt blieben. Aber mit dem Glück, das mich auf dieser Reise so oft begleitet, erlebte ich über der Cook Meeresstrasse, die beide Inseln trennt und beim Einflug in die prachtvoll gelegene Bucht der Hauptstadt Wellington plötzlich Sonne und blauen Himmel. Immerhin kamen wir erst abends um ½ 8 Uhr an. Danach Anruf von Gesandtschaftsrat B. im Hotel, der trotz des Sonntags 2-mal vergeblich mich am Flugplatz erwartete. Morgen Mittag Essen beim Deutschen Gesandten Dr. N., zuvor Besuche beim Bürgermeister der Stadt und meinen Gastgebern, der Arbeitsentschädigungsbehörde. Nachmittags dann Besichtigung einer Gefrierfleischfabrik, abends der Vortrag. So komme ich morgen sicher nicht zum Schreiben.
Hotel George Wellington[2]
Brents Hotel, Rotorua
7. Dezember 1960
Nachdem ich Dir meine 1000 Kilometerfahrt durch die Südinsel beschrieben, möchtest Du vermutlich auch von meiner großen Fahrt durch die Nordinsel hören, die nicht minder interessant verlief. Sie führte mich in 8 ½ Stunden von Wellington in das Maoriland. Zuerst am Meer entlang, wo ich erstmalig die hohen neuseeländischen Nikapalmen sah, die etwas an Kokospalmen erinnern. Der blühende Ginster, der Otago so belebte, fehlte, aber ich fuhr durch ein Farmerland mit den üblichen Schafen und hornlosen schwarzen Rindern. Manchmal dachte ich beim Anblick der saftigen Wiesen in Siebenbürgen oder dem Allgäu zu sein, aber die silbern blühenden Sträucher, die Grasbüschel, die gelben Wedel des neuseeländischen Toitoi (Grasart) und die Eukalyptusbäume schufen doch eine eigene Note des Landschaftsbildes. In dem Landstädtchen Levin nahmen wir unseren 3. Morgentee, in dem Landstädtchen Taihape das Mittagessen (Schafgehirn mit Pfefferminztunke) und den 4. Tee. Zwischen beiden sah ich auf der Autostrasse plattgefahrene Hasen, Kaninchen und Opossum (einen aus Australien eingeführten Beutler). Dann aber bot sich zur Linken ein grossartiger Anblick: die Rauchfahne des noch tätigen Vulkans Mount Ngauruhoe. Die ganze Umgegend ist vulkanisch und ist Erdbebengebiet. Die Strasse führt hier mit Recht den Namen Wüstenstrasse. Steine und graue Steppe, keine Bäume und keinerlei grüne Vegetation erinnerten mich an afrikanische Wüsten. Zweckmäßigerweise sind hier große Militärübungsgelände, die niemanden stören. Doch stellte sich zunächst schüchtern mit einzelnen Büschen, dann wie auf der Südinsel mit dichten Flächen der blühende Ginster ein. Dazwischen sah ich einzelne Bäume. Die Bewaldung wird dichter und sieht vertrocknet aus. Schilder mit der Aufschrift „watch your matches“ warnen. Ein großes vielfarbiges Rundscheibenschild hat die Jahreszeiten der notwendigen vermehrten Aufmerksamkeit eingeteilt. Deutlich zeigt der Zeiger auf die Sommermonate Dezember und Januar als die gefährlichsten. Auf der Post werden den Kunden gratis grüne Werbezettel zwecks Verhütens von Waldbrand zum Aufkleben verteilt. Schliesslich wird die Vegetation wieder lieblicher, Kühe weiden vor großen Tannenbäumen. Wir sind am Taupo See, dem größten See Neuseelands, berühmt durch seine Riesenforellen. Die Luft duftet nach Lupinen. Am Strand liegt vulkanischer weißer Bimsstein, wie wir ihn in der Schule für tintenverkleckste Finger benutzten. Das Wasser des Sees ist kalt, aber angenehm. Campbell scharrt am Ufer (etwa 5 cm vom Seerand!) eine Kute in den Sand. Es sammelt sich in ihr Wasser und dieses ist heiß! So vulkanisch ist hier der Boden. Ein anschauliches Bild bietet auch das etwas nördlich gelegene Wairakei. Hier entströmen der Erde heiße Dampfwolken, zum Teil mit beachtlichem Gepolter. Man ist jetzt dabei, ein „geo-thermales Projekt“ durchzuführen, nämlich den Dampf für die Errichtung eines Kraft- und Elektrizitätswerkes zu nutzen. Ich sah die Arbeiten in Gange, ebenso die noch größere Bauanlage in Aratiatia, wo das Wasser eines Bergflusses durch einen Felstunnel geführt wird.
Eine große Siedlung von Bauarbeiterhäusern ist bereits vorhanden. Prachtvoll ist der Blick, wie sich das blaue Wasser des Flusses durch das Felstal zwängt. Dieses Naturidyll wird zwar verschwinden, aber der Waikato Fluss bildet nicht weit davon mitten in urwaldartiger Natur die Huka-Fälle, die ich auch besuchte. In dem Heißquellen- und Dampfgebiet nördlich des Taupo Sees beginnt bereits das Siedlungsgebiet der Maori, deren kräftige braunhäutige Gestalten nun häufig sichtbar wurden. Hier gibt es Flüsse, die nur von Maoriabkömmlingen befischt werden dürfen. Im Waitahanui See sah ich den ersten Fischer mit den bis zur Hüfte reichenden Wasserstiefeln im See angeln. Dann schlief ich ein, da die lange Fahrt mit dem Herumklettern auf den Baugeländen doch etwas anstrengend war. Als ich erwachte, glaubte ich in einer Schneelandschaft zu sein. Denn alles war so weiß und glänzend. Es waren aber die weißen Bimssteinfelswände beiderseits der Autostrasse und der feine Bimmssteinstaub, der alles (einschließlich meiner Koffer) weiß überzogen hatte. So gelangten wir nach Rotorua, dem berühmten Badeort mit dampfenden Quellen, wo wir in dem originellen Brents Hotel die schon Wochen zuvor bestellten Zimmer vorfanden. Von Rotorua aus kannst Du bereits die mächtigen Dampfwolken aufsteigen sehen, die in der Maorisiedlung Whakarewarewa entstehen. Ihr galt mein heutiger Vormittagsbesuch, der einen der Höhepunkte meiner an Eindrücken so reichen Neuseelandfahrt darstellt. Ein großer Gewinn für mich war, dass Campbell maori spricht, so dass er mir viele Erklärungen geben konnte. Eine breite Holzbrücke führt über einen malerisch zwischen begrünten steilen Felsufern dahinströmenden Fluss zum Dorf mit seinen Holzhäusern, die meist eine schön geschnitzte Eingangstür oder Veranda aufweisen. Ein Holzzaun mit zahlreichen Pfosten grenzt die einzelnen Grundstücke ab. Diese Pfosten stellen holzgeschnitzte Maorikrieger dar, welche die Zunge herausstrecken, oft eindrucksvoll bis auf die Hinterbacken tätowiert sind und ihre Hände mit je 3 Fingern auf dem Bauch kreuzen oder eine grüne Kelle in einer Hand tragen. Alle Figuren sind rotbraun angemalt. Die Farbe entspricht der Falunfarbe, wie sie die schwedischen Bauernhäuser zeigen und die ich gern für die Bank an Mutters Grab haben wollte. Die Augen der Figuren sind stets aus kreisrund geschnittenen Perlmuttschalen. Ein besonders schön geschnitztes Tor, das zu einem Versammlungshaus führt, lege ich Dir zur Veranschaulichung bei. Auch hier siehst Du die drei Finger. Sie sollen zeigen, dass die Ahnen – und alle diese auf Zaunposten und Toren dargestellten Figuren sind Ahnenbilder – Wesen höherer Art waren, als die gewöhnlichen Fünffingermenschen der Jetztzeit. In jedem Hausgarten von Whakarewarewa siehst Du Dampfwolken der Erde entsteigen. Das macht es auch verständlich, dass die Gräber rund um die kleine Dorfkirche nicht unter der Erde liegen, sondern Steinsarkophage sind. Von hier führt ein Weg auf eine völlig vegetationslose Lichtung, dem Mittelpunkt der vulkanischen Kräfte. Denn hier springt mit lautem Gepolter der Wasserstrahl des Pohutu Geysir hoch in die Luft und ich dachte an meinen ersten Geysir in Island, der freilich in unbewohnter Einöde liegt und nur einen schmucklosen Holzschuppen für den Touristenverkehr benachbart hat. Der Neuseelandgeysir im unmittelbaren Wohngebiet des interessanten Maorivolkes und umrahmt von einer üppigen Vegetation (in respektvollem Abstand) spricht daher den Reisenden weit mehr an. Überall ist der Boden gelb oder rot von Schwefel verfärbt und überall kocht und brodelt es. Nahe vor meinen Füssen begann es zu zischen und zu glucksen bis plötzlich wie aus einer überkochenden Teekanne heißes Wasser aus einem Erdloch empor spritzte. Ebenso schnell wurde das Wasser in den Schlund zurückgezogen und es trat lautlose Stille ein. Doch ist das Wandern bei diesen schnell wechselnden Ausbrüchen hier nicht ganz ungefährlich, wie viele Warnschilder anzeigen. Ich konnte es selbst erfahren. Beim Hinabklettern über die terrassenförmig zum Fluss abfallenden Sinterformationen, die in braun, gelb und weiß schillern, rutschte ich aus und verbrühte mir den rechten Handrücken durch aufsteigende Dämpfe (drolligerweise hatte ich mir schon am Morgen beim Aufdrehen des heißen Wasserhahnes im Hotel den linken Handrücken verbrüht, weil ich nicht daran gedacht, dass das Hotel sein Wasser aus der höllischen Tiefe „bezieht“). Du siehst diese schönen Sinterformationen mit Stalaktiten wie steinerne Eiszapfen auf beiliegendem Bilde. Von ihnen führt eine rotgestrichene leichte Holzbrücke über den Fluss in eine grüne Wildnis, die von vielen mir unbekannten Bäumen und Sträuchern auf diesem fruchtbaren Vulkanboden gebildet wird. Wie schön, dass sich Campbell als ausgezeichneter Kenner seiner Heimatflora erwies. Ein blühender Baum, dessen weiße Blütchen an Flieder erinnern, heißt Kanuka, ein anderer ähnlicher aber mit silbrigen Blättern und porzellanweißen Blütchen, ist der Manuka. Ein an Lorbeer gemahnender Baum wird Kamahi genannt, einen Baum mit Holunderbeeren bezeichnete er als Whauwhau Paku usw. Die gewaltigsten Bäume mit Stämmen wie unsere Rosskastanien stellen die neuseeländischen Mimosenbäume in diesem Dickicht. Im Zweigengewirr eines solchen Riesenbaumes war das Zwitschern eines buchfinkengroßen Piwakawaka zu hören. Du kennst seinen Namen ja schon von meinem Flugzeug, das mich von Oamaru nach Christchurch flog. Es handelt sich um den Fächerschwanz. Campbell begann ihn zu locken und rief „come on“. Und wirklich, der Vogel kam von Zweig zu Zweig aus seiner Höhe herab, schlug mit dem langen Schwanz im Fliegen einen prächtigen Fächer und flog neckisch tänzelnd über unserem Kopf. Es war ein reizender Anblick und ich bin gewiss, Du hättest Deine helle Freude an diesem Urwaldvogel gehabt. Ich fragte Campbell ganz verdutzt nach diesem Verhalten, aber er meinte „he ist so friendly“. An den Mimosenzweigen sah ich übrigens an Galläpfel erinnernde Gebilde, konnte aber über sie nichts Näheres erfahren. Der in den Buschwald geschlagene Pfad machte eine Biegung und führte mich zu einem einzigartigen Schauspiel, einem Schlammvulkan. Auf dem Boden eines kreisrunden mehrere Meter breiten Loches kochte und dampfte ein graugelber Schlamm vom Aussehen eines Kuchenteiges und spritzte brodelnd kleine Schlammfontänen hoch, die in den Teig zurückfallend sich glätteten oder neue Trichter und Schlammspritzer bildeten. Das Bild in seiner Tiefenwirkung ist wirklich besonders gut. Beim Herumwandern stießen wir dann noch auf eine ganze Reihe solcher kochenden Schlammtrichter. Hinter diesem Wald kamen wir auf ein Areal, das wie ein Freilichtmuseum die alten Lebensformen der Maori zeigt, als sie noch ihre 25 Jahre dauernden Kämpfe mit den Weißen führten. Ein großes mit Palisadenzäunen in doppelter Anordnung mit Wachtürmen, Ahnenfiguren und breitem Wassergraben versehenes befestigtes Lager (Pa) zeigt die einstigen Pfahlbauten der Schlafhäuser und die reich geschnitzten Vorratshäuser, von denen ich Dir eines beilege. Auf dem Dachfirst des Hauses als Beschützer Tekoteko. Als Erinnerung habe ich mir als Zeugnis der jetzigen Maorischnitzkunst einen Tekoteko mitgebracht. Nicht weniger interessant als diese ist jedoch auch das jetzige Dorfleben. In den warmen Quellen wird die Wäsche gewaschen. Andere dampfende Wasserschlünde dienen den Maorihausfrauen als Kochtopf und Küche, wie Dir beiliegendes anmutiges Bild zeigt, auf dem Du im Hintergrund überall den Boden dampfen siehst. (Eingänge und offene Veranden der Häuser alle schön geschnitzt). Campbell erzählte dabei einer Maorifrau, dass ich aus Deutschland komme, worauf sie in deutsch zu mir sagte: „Ich liebe Dich“. Sehr beeindruckt hat mich auch, dass die Maori ebenso wie die Japaner und Araber so heiß baden können. Sie fühlen sich dabei durchaus wohl, wie Dir beiliegendes Bild zeigen mag, auf dem Du die heißen Dampfschwaden überall der Erde entsteigen siehst. Das muss wohl irgendwie mit der braunen Haut dieser Völker zusammenhängen. Am gleichen Tage besuchte ich auch das Königin Elisabeth Rheumakrankenhaus in Rotorua, dessen sympathischer Chefarzt Dr. R. sich als sehr interessiert erwies. Er zeigte mir auch die umfangreichen Badeanlagen, heiße Quellen, Dampfbäder und vulkanische Schlammpackungen, deren Wirkung gegen Rheuma gross ist und deren Kenntnis wir den alten Maori verdanken. Sehr merkwürdig, dass Gicht bei Maoris 15-mal häufiger als bei weißen Neuseeländern beobachtet sein soll und die Maori oft an fieberhaft akutem Gelenkrheumatismus leiden. Um mit den Maori abzuschliessen, möchte ich Dir noch ihren von Häuptling Hinehopu gepflanzten heiligen Baum zeigen. Er befindet sich im Hongi-Urwald, dem typischen neuseeländischen „Busch“. Wunderbare Urwaldriesen von 40-50 m Höhe und hohe Baumfarne bilden eine undurchdringliche grüne Wildnis, durch die eine gepflegte Autostrasse hindurchführt. Ich sah drei solcher Urwaldgebiete, die als „Scenic Reserves“ unter Naturschutz stehen. Hier am heiligen Baum – er führt jetzt, nachdem die Maori gute Christen geworden, die Bezeichnung magischer Baum – hörte ich auch erstmalig den Ruf des Tui, der die neuseeländischen Pennystücke ziert. So erlebe ich täglich in diesem von der Natur durch Schönheit so bevorzugten fernen Lande viel Freude.
Grand Hotel, Auckland, N.Z.
9. Dezember 1960
Nun habe ich auch die größte Stadt Neuseelands kennengelernt. Die Fahrt von Rotorua hierher war wieder erlebnisreich. Wir besuchten das Maoridorf Ohnemotu mit einem von Maoris geschnitzten Denkmal der Königin Viktoria und einer Kirche mit reich geschnitzten Kirchenbänken, Kanzel, Altar. Dann sah ich die Märchenquellen, wunderbar klare Wasserbecken mit großen Forellen in einem Baumfarnendickicht. Prachtvoll auch der Mamaku-Wald, in dem ich alten Bekannten, den hier eingeführten bunten indischen Amseln aus Delhi begegnete, die hier genauso zahm sind. Dann folgte ein Farmgelände ganz europäischen Charakters mit Pappeln und Schwarzwaldtannen. Schließlich wird die Gegend zur Parklandschaft mit weiten grünen Rasenflächen und auf ihnen grasende rabenschwarze Kühe und weiße Schafe. In dem wie eine englische Gartenstadt mit ihren einstöckigen Eigenheimen sich lang hinziehenden Cambridge nahmen wir den 3. Tee. Hier keine Maori mehr, sondern englische Gesichter. Auf einem Vollblutschecken kommt mir mit langen Hosen und nackten Füssen ein frisches Neuseelandmädchen entgegen. Wir kommen durch Hamilton, dem Sitz zahlreicher Großmolkereien und nehmen Mittag und 4. Tee in Huntly. Hier viele Zitronenbäume, auch die Baumtomaten sind reif. Hortensien blühen üppig. Das Leben in diesen gleichförmigen englischen Städtchen muss sterbenslangweilig sein. Zur Abwechslung kommen Weintraubenfelder, Farmen mit schwarzen Schweinen, Verkaufsschilder „neue Kartoffeln“, Braunkohlengruben und Kraftwerke. Unterwegs begegnen wir großen Tankwagen, die ich für Erdölwagen hielt. Es waren aber Tankwagen der Brauereien mit Bier. Nach fast 1000 Kilometer Fahrt durch die Nordinsel langen wir schließlich in Auckland an. Ölbäume auf den Hügeln und Mangrovenbäume, die auf der Südinsel und im Südteil der Nordinsel unbekannt, im Brackwasser der Hafenbuchten.
Abends mein Vortrag, wieder von dem Oberbürgermeister der Stadt, his Worship D.M. Robinson präsidiert, wieder ein starker Erfolg, wieder eine fast einstündige Diskussion. Zeitungsausschnitte anbei. Das hiesige Programm war danach vielseitig und anstrengend. Besuch des Industrial Health Centre in Penrose, des Civilian Rehabilitation Centre in Otara, der großen Gefrierfleischwerke in Southdown, wo rund 1000 Arbeiter, – davon mehr als die Hälfte Maori – Schafe, Rinder, Pferde, Schweine zerteilen und für den Gefrierfleischtransport fertig machen. Dabei jedes Mal Tee, so dass ich auch gestern auf 6-mal Tee kam.
10. Dezember 1960
Auf dem heutigen Sonntagsprogramm stehen Zoo, Museum und Mittagsessen beim Vertrauensarzt der Gesandtschaft Dr. K..
Heute Abend dann Flug nach Sydney.
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Savoy Hotel, Perth Westaustralien
12. Dezember 1960
Aus der Heimat der schwarzen Schwäne und des Wombat (schweingroßes Riesenmurmeletier) einen herzlichen Gruß. Diese Einlage im Reiseprogramm verdanke ich den „Sieben Winden“ der Queensland and Northern Territory Airways Service (Quantas), Superconstellation Jet, dem mindestens zwei Winde ausgingen. Heute früh ½ 1 Uhr langten wir in Perth an, 1 Stunde Aufenthalt, dann missglückter Start, wiederum 40 Minuten warten. Auch das half nicht. Denn nach abermals missglücktem Start standen wir um ½ 5 Uhr früh wieder vor der Flugplatzhalle in Perth. Parole in 2 Stunden endgültiger Abflug. Ich war skeptisch. Richtig, so hieß es heute früh 6 Uhr, Abflug erst 4 Uhr nachmittags möglich. Auf Kosten der Quantas fuhr ich also ins Savoy Hotel, schlief mich bis 9 Uhr aus, frühstückte sehr gut und sitze nun im Sonnenschein ohne Weste auf einer Bank. Flug nach Java 7 ½ Stunden, also werde ich frühestens ½ 11 Uhr in Djakarta eintreffen. Hoffentlich ist mein Vortrag nicht für heute Abend angesetzt. Neuseeland, wo die Maori den Weißen gleichberechtigt, unterscheidet sich von Australien, wo der Eingeborene rechtlos ist.
F. fuhr mich gestern in Sydney nach dem Eingeborenenreservat bei Perouse, wo ich in Wellblechhütten die ersten ‚Australneger’ (so genannt, weil dunkelhäutig, sie sind aber Kaukasier) meines Lebens sah. Sie verkaufen Bumerangs und ähnliches. Nur 5 oder 6 % der Eingeborenen besitzen Bürgerrechte, alle dürfen keinen Alkohol trinken. Der eingeborene Maler Namatjira, dessen Bilder heute sehr hoch bezahlt werden, starb jetzt im Gefängnis, da er Alkohol an Stammesgenossen gab. Indern und Ostasiaten verweigert Australien den Zutritt, Neuseeland lässt erstere als Mitglieder des englischen Commonwealth zu. Beide Länder aber bilden asiatische Studenten an ihren Universitäten aus. Da jetzt Ferien, war die Touristenklasse der „Sieben Winde“ mit heimkehrenden Indern, Ceylonesen, Malayen und Indonesiern vollgefüllt. So habe ich wieder viel interessante Einblicke in das Getriebe der Welt gewonnen. Perth gefällt mit gut. Ich hatte Glück, denn ohne die Panne der „Sieben Winde“ wäre ich nie nach Westaustralien gekommen. Die Mimosenbäume blühen in zartem Lila, die Rosen haben unwahrscheinlich schöne Pastellfarben. Prachtvolle Pfirsiche, Aprikosen, reife Feigen, Mispeln, Erdbeeren und Kirschen stehen überall feil. Herrenschlipse werden zugleich mit passenden Strümpfen verkauft.
[1] Abbildung gemeinfrei; freigegeben: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Inside_Dunedin_Railway_Station.jpg (Zugriff: 11.8.2019)
[2] Zeitgenössisches Werbeplakat – Ende der Dreißiger Jahre; Abbildung gemeinfrei.
[3] Panoramablick auf Akaroa, vom "Sign of the Kiwi" – Foto: Daniel Gammert 23.5.2005; freigegeben; Abbildung gemeinfrei. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Blick_auf_Akaroa.jpg/ Zugriff: 11.8.2019.
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