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Historische Karte von Batavia, dem heutigen Djakarta  

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Djakarta, 14. Dezember 1960

 

 

 

Erst nach Mitternacht langte ich in dem dampfend heißen Djakarta mit seinen 3 ½ Millionen Einwohnern an. Ein Herr der Deutschen Botschaft, ein Herr des wissenschaftlichen Rates Indonesiens und Dr. Karamoeddin, der leitende Arbeitsmediziner des Arbeitsministeriums erwarteten mich mit je einem Auto. Dein lb. Brief vom 3. d. M. mit den Zeitungsausschnitten über die Überschwemmungen in Hamm empfing mich. Er machte großen Effekt bei der Tochter des Hammer Hautarztes Dr. O., die hier an den Siemensvertreter Dipl.-Kaufmann F. verheiratet ist. Ich verlebe einen Abend in ihrer komfortablen Siemens-Dienstvilla. Als zweiter Hammer stellte sich der Kruppvertreter Dipl.-Ing. G., Jugendfreund von Dorle B. ein. Die Deutschen (orang djerman) spielen in Java eine angesehene Rolle und fühlen sich alle hier sehr wohl. Endlich bin ich in den richtigen Tropen. Dauernd laufen die Schweißtropfen herab. Ich schlafe unter dem Moskitonetz in einer kleinen stickigen Kammer (28 Grad). Ein Nashornvogel namens Clemens sorgt für Ordnung, er zwickt die zahlreich herumwimmelnden Katzen – Javakatzen haben nur einen kurzen Stummelschwanz – in den Schwanz, aber ebenso ihm unsympathische Hausbewohner in die Waden, wenn sie aus dem Klo (Wasserhandspülung mit Blechnapf) kommen. Ich hatte Glück bei ihm, auch bei einem dingoartigen Eingeborenenhund, der zwar nie einen Weißen beißt, aber Eingeborene, ferner zerreißt er Ratten und Katzen. Alles steht unter Aufsicht der malayischen Oma, die wie ein Feldwebel für alles sorgt, kocht, wäscht, Brot toastet, Hemden bügelt usw. Ich musste zudem den üblichen Leidensgang antreten, Besuch beim Deutschen Botschafter, beim Arbeitsminister, beim Gesundheitsminister, beim Präsidenten des wissenschaftlichen Rates usw. Abends dann Vortrag im Hörsaal der Medizinischen Klinik. Der Deutsche Botschafter Freiherr v. Mirbach, Botschaftsrat Seeliger, Kulturattaché Jungmann, Presseattaché Weiss, der Kanzler und seine Frau waren erschienen. Grosses Frage- und Antwortspiel. Das ganze ein beachtlicher Erfolg.

 

 

 

Heute Autofahrt durch die grünen Reisfelder nach Bogor (dem einstigen holländischen Buitenzorg) mit seinem weltberühmten botanischen Garten Victoria regia blühte rosa, rot und weiß, japanische Wasserrosen hellblau. Staatspräsident Soekarno bewohnt das dortige weiße Schloss. Ich sah ihn mit seiner Autokavalkade nach Bandong abbrausen.

 

 

 
 
Botanischer Garten in Bogor 

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Mittagessen in Tjibogo. Indonesische Reistafel. Jetzt ist die Reifezeit der Durian, dieser stacheligen melonengroßen Baumfrucht, deren Gestank so übel, dass ihr Transport in Flugzeugen nicht erlaubt ist. Sie soll wie Ambrosia schmecken. Ich fand den Genuss nicht so doll und finde die gleichfalls jetzt reifen Mangobirnen viel schöner. Heute Abend will mich der Botschafter abholen. Ich schlüpfe also in mein blaues Jackett, doch hatte sich bereits in den Ärmel ein Gecko verirrt, der nun mit seinen Saugfüßen an Wänden und Decke meines Schlafraumes herumturnt.

 

 
 

 

 
 
Goodwood Park Hotel, Singapore

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Goodwood Park Hotel, Singapore

 

16. Dezember 1960

 

 

 

Nach 12 Vorträgen in 10 Städten will ich mich hier und morgen in Kuala-Lumpur etwas ausruhen. Das ausgezeichnete Hotel mit schönem Garten, Wasserfontänen, Schwimmbecken, luftgekühltem Schlafzimmer und Speisesaal (einst das Gebäude des deutschen Klubs) ist dafür ausgezeichnet. Herr W., der in Java geborene Sohn eines Farmers, welcher seine Schulzeit in Japan verlebte, holte mich am Flughafen ab. Er ist ein sehr interessanter Führer, der mich in meinem schönen Hotel zum Mittag einlud, Tee in seiner Wohnung und Abendessen im Schwimmklub, der 6000 Mitglieder zählt und großartig mit Terrassen direkt am Meer liegt. Nach englischer Sitte sind die Räume mit bunten Papierblumen, Riesenknallbonbons und Father Christmas mit weißem Bart ausgeschmückt, da hier der große Weihnachtsball mit Lotterie stattfinden soll. Nachmittags besuchten wir den schönen Botanischen Garten, in dessen Riesenbäumen wilde Affenherden herumturnen. Bei Abendbeleuchtung durch die Chinatown, wo es alles zu kaufen gibt bis in die späte Nacht, was es in Asien überhaupt gibt. Heute Vormittag machte ich dem Deutschen Generalkonsul Dr. Roereke einen Besuch, der schickte mir den Dienstwagen zu freier Benutzung und lud mich zum Tee in seine Villa. Ich besuchte das Museum mit Marmorstandbild von Sir Raffles, der 1812 auf einer kleinen Insel Singapore gründete. Wahrhaft eine geniale Idee. Vom Faber und vom Marina Hügel hat man eine weite Sicht über die Weltstadt, ihre mit Großdampfern angefüllten Häfen, das Gewirr der vielen dicht begrünten Inseln, deren entferntere bereits zu Indonesien gehören. Der Staat Singapore wird jetzt von dem Malaien Yang Di-pertuan Negara als Staatspräsident regiert, der im Palais des bisherigen englischen Generalgouverneurs wohnt. Doch hat sich England noch zahlreiche Rechte vorbehalten (siehe auch das Bild der Königin auf den Briefmarken). In den großzügig angelegten Plätzen und Ausfallstrassen stehen Moscheen, Hindutempel, Kirchen in trautem Verein. Die Menschen auf den Strassen sind überwiegend Chinesen, doch auch zahlreiche Malayen und Inder. Kopfbedeckung meist ein schwarzes Käppi oder nichts, die Gurkhas tragen Turban. Ganz besonders interessant war mir der Besuch der Haw Par Villa, meist Tiger Balm Garden genannt. In ihm hat ein steinreicher Chinese, der sein Vermögen durch Tiger-Hautkreme verdiente, sich ein Erinnerungsmerkmal geschaffen, in dem er seinen Garten mit zahlreichen Tempeln und Darstellungen aus der chinesischen und religiösen Geschichte schmückte.

 

 

 

Die komischsten Fabeltiere oder bekannte Tiere wie Elefanten, Nashörner und Giraffen tragen Hosen und Hüte und schießen mit Revolvern aufeinander. Die Figuren aus Holz oder Stein, alle bunt lackiert. Die Sünden werden gezeigt, wie 2 Kurtisanen einen Jüngling bedrängen. Doch auch ihre Vergeltung im Jenseits, wo ein Hai ihm einen Arm, ein Krokodil ihm ein Bein abbeißt. Ein anderer Sünder wird auf dem Rücken eines Tigers durch ein Messer in 2 Hälften geschnitten usw.

 
 

Alles Edelkitsch nach unseren Begriffen und dennoch hochinteressant, um die Mentalität eines so alten Kulturvolkes wie die Chinesen kennen zu lernen. In der Mitte der Anlage ein Gedenkturm für Herrn und Frau Aw Chu Kin, die Gründer diesen modern religiösen Panoptikum, 2 Lingams stehen daneben. Der Nachmittag im Hause von Generalkonsul Dr. Roerecke war übrigens sehr anregend. Das Ehepaar war 1954 in Nepal, hat dort Fußwanderungen gemacht, empfahl die Bücher von v. Veltheim-Ostrau über Nepal. Die Herausnahme von Kunstschätzen aus Nepal bezeichneten sie als äusserst schwierig und gratulierten mir insoweit zu dem Teppich des Chinai Lama. Frau Roereke hat 5 Kinder und lässt Dich grüssen. Sehr nett war auch der Abend in der Villa des alten Asienkenners Georg v. Daggenhausen. Wir saßen im bloßen Hemd im Garten mit Blick auf das Meer und tranken Singapore-Bier. Morgen früh muss ich 5 ½ Uhr aufstehen, um das Morgenflugzeug der Malayischen Fluglinie zu bekommen.

 

 
 

Hotel Merlin, Kuala-Lumpur

 

19. Dezember 1960

 
 

Das Wochenende im Urwald von Malaysia war ein besonderes Erlebnis. Das sympathische Ehepaar Heinz und Edith S. (in Java geboren) holte mich ab und wir fuhren im Sultanat Selangor, dessen Hauptstadt Kuala-Lumpur, stundenlang durch Gummiplantagen, Dörfer und Kokospalmen, Bananenanpflanzungen und Ölpalmen, durch Dschungel und Berge in das Sultanat Pahang. Hier liegt in 1500 m Höhe ein Luftkurort Fraser's Hill. Die Strasse ist so steil und kurvenreich, dass sie wechselweise nur auf- oder abwärts befahren werden darf. Hier besitzt die französische Firma Socfin, die Villa Hallet, ein Bungalow mit Fernblick auf die vielen grünen von Urwaldbäumen bedeckten Bergketten. Das Bellen, Rufen und Schimpfen der Affen war deutlich hörbar. Ich sah viele grüne oder blaue mir unbekannte Urwaldvögel, zahlreiche Nester der Webervögel, Schwalben im Kleinstformat umsegelten das Haus. Auf dem Rasen mehrere 10 cm lange glänzend braune Tausendfüssler. Die Bergluft kühl und erholsam, besonders für die Nacht. Verpflegung (chinesischer Koch, seine Frau und Nichte Stubenmädchen) erstklassig. Walderdbeeren und Brombeeren aus dem Garten mit Sahne. Da habe ich Dich herbeigewünscht. Fleisch alles auf Grill. Esstisch und Zimmer mit frischen Blumen geschmückt, da in der Kühle europäische Flora (Dahlien, Rosen, Gladiolen) wächst, daneben aber auch fleischfressende Schlingpflanzen und riesige Nadelhölzer, deren Zweige für die Weihnachtsfeier der deutschen Kolonie nun dienen sollen. Es war mal eine wirkliche Erholung. Auf der Rückfahrt konnte ich Zinkgruben, der Reichtum Malaysias neben dem Gummi, besichtigen. Die modernen arbeiten mit großen Baggern und waschen das Zinn mit Wasserstrahl aus dem Gestein. Die primitiven chinesischen Gruben arbeiten ohne Bagger, aber auch mit Auswaschen des Zinns aus dem Erdreich. Ins Merlin Hotel Sonntag zurückgekehrt, erwarteten mich schon 6 indische Ärzte und ein schottischer Professor, alles Internisten und baten mich heute früh im Generalhospital einen kleinen Vortrag zu halten und mit ihnen Visite zu halten, was ich schlecht abschlagen kann. So wird die Zeit bis zum Abflug des Flugzeuges (Quantas) nach Ceylon voll besetzt sein. Hoffentlich kommt die unzuverlässige Quantas pünktlich, so dass ich mein Programm schaffe, am 23. d. M. abends in Hamm zu sein.

 

 

 
 


Batavia [Jakarta] 1897 From Guide to the Dutch East Indies by Dr. J.F. van Bemmelen and G.B. Hoover, Luzac & Co, London 1897. Courtesy of the University of Texas Libraries, The University of Texas at Austin. Abbildung gemeinfrei; https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Batavia_1897.jpg – Zugriff: 20.9.2019
 
[2] Aufnahme Talaborn - 12.1.2006; https://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Botanischer_Garten_in_Bogor.jpg. Abbildung gemeinfrei unter folgendem Hinweis: „Dieses Werk wurde (oder wird hiermit) durch den Autor, Talaborn auf Wikimedia Commons, in die Gemeinfreiheit übergeben. Dies gilt weltweit.“ Zugriff: 20.9.2019.
 
[3]  Originalgetreue fotographische Reproduktion eines zweidimensionalen Kunstwerks aus dem Jahre 1905. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. 
 
 
 
 
 
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