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Hotel Saint-Georges - Zeitgenössische Abbildung
Hotel Saint-Georges Beirut, den 22. November 1961
Bei Ehepaar Prof. X. verlebte ich den gestrigen Abend. Sie wohnen im 12. Stock eines Hochhauses mit prachtvollen Blicken von beiden Balkons auf die Stadt, Bucht und Küste bis zur alten Phönizierstadt Sidon (heute Saida). Der Schafskäse wurde auf Zedernholztellern serviert, was mich an Dein finnisches Birkenholztablett erinnerte. X.s leben seit 15 Jahren in Beirut und fühlen sich hier sehr wohl. Der Libanon mit seiner zu 55 % christlichen Bevölkerung – freilich sind sie Maroniten, ihre Kirchensprache ist dem von Jesus gesprochenen aramäisch verwandt und ihre Geistlichen heiraten – ist ein Brückenkopf Europas im Orient. Wie Kairo ist Beirut eine Zentrale von Bildungsinstituten und Schulen und besitzt gleichfalls drei Universitäten: die 1843 von Jesuiten gegründete Französische, die 1866 von einem Missionar gegründete Amerikanische und die Libanesische Universität. Die Amerikanische hat den besten Ruf und ihre Medizinische Fakultät hat ein vorzüglich ausgerüstetes Krankenhaus, in dessen Audienzhalle ich meine Vorlesung hielt. Die Straßen haben z. T. ganz moderne Luxusgeschäfte, wie man sie in Köln oder München nicht besser findet, an der Corniche, der lang sich hinziehenden Meeresküste wachsen Hochhäuser und Luxushotels aus dem Boden und wie mir X.s versichern, kann man in Beirut alles kaufen.
Ich sah mir in den geschmackvollen Juweliergeschäften auch mehrere Alexandrits an. Zum heutigen Nationalfeiertag hatte ich eine Einladung, dem Vorbeimarsch der Truppen vor dem Staatspräsidenten auf einer Tribüne beizuwohnen, aber sich 2 Stunden die Beine in den Leib zu stehen, schien mir, zumal bei der Kälte, nicht verlockend und ich zog einen Bummel durch die Altstadt vor. Allerdings hat der letzte Gouverneur während des ersten Weltkrieges die alten Bazare niederreißen lassen und hat sich damit um die Entwicklung der modernen Stadt sicher Verdienste erworben. Das jetzige Beirut kann also eher mit einer europäischen Mittelmeerstadt verglichen werden, aber dennoch findet sich noch ein guter Teil Orient für den, der ihn zu finden weiß. Gleich rechts vom Platz der Märtyrer mit seiner großen Bronzegruppe zur Erinnerung an die gegen die französische Besatzungsmacht beim Freiheitskampf gefallenen Libanesen, liegt zwischen der Grossen aus dem 12. Jahrhundert stammenden Moschee El Umari und der schon im 10. Jahrhundert erbauten Serailmoschee der Straßenbazar. Du musst Dir nur für seinen Besuch derbe Schuhe anziehen, da das Kopfpflaster von Obst- und Gemüseresten oft glitschig ist und in den Rinnen noch Blut von frisch geschlachteten Hammeln fließt. Beim Fleischmarkt betrat ich den Bazar. Hier hängen die enthäuteten Tiere im Ganzen und Du kannst Dir nach Belieben eine Schulter, ein Stück Bauch oder Haxe abschneiden lassen. Doch auch Augen, Hirne, Mägen, Lebern usw. liegen aus und fanden bei den einkaufenden Hausherren, Dienern und Hausfrauen Gefallen. Anschließend der Gemüsemarkt, dessen Reichtumm und Auslagen wirklich einmalig sind. Die Riesenblumenkohle mit Köpfen von einem halben Meter Durchmesser waren mir zwar schon aus Alexandrien vertraut. Aber die Eierfrüchte (Auberginen) haben hier auch menschenkopfgrosse violette Kolben. Die Radieschen sehen lecker aus und ihre Riesenform scheinen Rettiche zu sein.. Mohrrüben gibt es 2 Sorten, flachsrote kräftige wie bei uns daheim und violettrote halbarmlange, die ich noch nie gesehen. Prachtvoll die Riesensellerie, die grossen Artischocken, die Vielfalt der Gurkensorten. Rote Rüben, feurige und lackgrüne Paprikaschoten, rote Tomaten wie daheim und grüne mit roten Streifen, die fast doppelt so groß. Spinat, Blattsalat, Fiedersalat, Brunnenkresse, Petersilie, alles taufrisch. Hirse, Weißbohnen, Zwiebeln, Knoblauch, Staudensellerie, Lauch. Das einzige, was ich nicht sah, war Reis und der wird hier wohl nicht angebaut; denn alle anderen Produkte stammen aus dem Lande und diese Gemüsefülle im November ist wirklich überwältigend. Ich esse daher täglich Gemüsesuppe. Dann folgten die Obststände. Wenn sie auch nicht mit Bozen vergleichbar, ist der Reichtum an Äpfelarten doch verlockend: gelbe, grasgrüne und tiefrote. Alle sehen wir das kalifornische Obst prachtvoll aus, haben aber einen viel feineren Geschmack als das amerikanische. Die roten erinnern an Hasenköpfe, die grünen an Grafensteiner. Sehr reich ist auch die Auswahl an saftigen Birnen. Chirrimoyas (die ich Dir einst aus Portugal mitbrachte und aus deren schwarzen Kernen Du Pflanzen zogst) gibt es auch, ebenso reife Feigen (2. Ernte). Die Berge leuchtender Orangen, die Mandarinen, Pampelmusen, Zitronen, die Bündel leuchtend gelber Bananen, die Haufen von Datteln, Nüssen, Kokosnüssen usw. sind eine Augenweide. Aber im Libanon fehlen die Oasen, die Datteln kommen vermutlich aus dem benachbarten Syrien und sind längst nicht so groß und köstlich, wie ich sie in Ägypten genossen habe. Nach den Obstständen kommen die Zuckerbäcker und deren Herrlichkeiten und Vielfalt zu schildern, fühle ich mich einfach unfähig. Mit Honig- oder Zuckerguss glasierte Fettkrapfen, wie Haare feine Zuckerfäden, die wie zu Nestern geflochten sind, rot, grün und himmelblau gefärbte Bonbonmassen mit Nüssen, schwefelgelbe Zuckerkuchen, glänzend klebrige Kringel, farbige Lutschstangen, kurz der Okzident muss hier vor dem Orient kapitulieren. Es war direkt schwierig, sich durch die diese Köstlichkeiten anstarrenden Kinderscharen hindurchzuwinden. Aber auch manche Hanum konnte nicht widerstehen, auf ihre mit Gemüse gefüllte Einkaufstasche aus Palmblättern noch etwas Zuckerwerk zu packen. Die anschließenden Gewölbe hatten die Teppichhändler belegt und diese Nachbarschaft war offenbar gut; denn ich sah die Händler ihre Besucher mit Süßigkeiten bewirten, zu denen selbstverständlich auch ein Tässchen stark gesüßter Kaffee gehört, der in den Dir bekannten kleinen Schälchen ständig durch den Bazar getragen wird. Ich sah übrigens wie von einem Lehrling ein ganz ausgeblasster Teppich mit einem Pinsel schwarzer und blauer Farbe „schön“ aufgefrischt und verkaufsfertig bereitet wurde. Gute alte Stücke dürften hier nicht mehr zu finden sein. Eine weitere Lehre erwarb ich bei den Goldschmieden. Sie verfertigen mit großem Geschick Goldkettchen, Münzengehänge, Armbänder und Schmuck. Zufällig hatten zwei einander gegenüberliegende Schmuckgewölbe Alexandritringe ausgestellt. Ich fand sie gleich, der linke Händler, offenbar ein Armenier, wollte 50 DM mehr für seinen Ring als der rechte. Als ich ihn nach einer Begründung fragte, meinte er, sein Gegenüber sei unredlich, unterbiete die Preise, weil er nur minderwertige Waren einkauft. Darauf beschloss ich, nur auf Rat eines Sachverständigen etwas zu kaufen und besser auf Ceylon zu warten. So schön und anreizend die Lebensmittelstände sind, bringen die Handwerkstände des Bazars im Allgemeinen eine Enttäuschung. Sehr schön sind zwar Seiden- und Brokatstoffe, aber neben ihnen liegen billige europäische Muster. Die Lederarbeiter machen schöne Satteltaschen, Gurte und Sandalen, aber auch hier sind die Plastikstoffe eingedrungen von der Badewanne bis zum Plastikhalbschuh. Für ein libanesisches Pfund (= 1,37 DM) rief ein Bursche mit Stentorstimme bunte Plastikhäute als Regenmantel aus. So verließ ich das Bazarviertel und kam gerade zurecht, als eine Kette von Motorradfahrern mit weißlackierten Sturzhelmen und weißen Stulpenhandschuhen – alles sehr schmuck anzusehende Araber – um die Ecke bog. Ihnen folgten Wagen mit Offizieren, weitere Polizeimotorradler und dann mit golddurchwirktem Ständer am Wagen der libanesische Staatspräsident (Chéhal), lebhaft beklatscht von den Straßenpassanten.
1. November 1961
38 km nördlich von Beirut liegt Byblos, die vermutlich älteste ständig bewohnte Stadt des antiken Kulturraumes. Steindokumente aus dem Jahre 3200 vor Christi künden von ihrer Existenz. Über 5000 Jahre Menschengeschichte hat dieser kleine libanesische Fischerhafen, der seinen Namen Byblo von der Bibel ableitet und heute den arabischen Namen Jebail führt, erlebt. Prähistorische Menschen haben ihn bewohnt, wie alte Steinfunde beweisen. Neben den grossen Phönizierstädten Sidon und Thyrus war Byblos das große Handels- und religiöse Zentrum des alten Seefahrervolkes, das von hier seine die antike Welt umfassende Schiffahrt trieb. Als die alten Ägypter ihr Weltreich auch an diese Küste ausdehnten, wurden die Zedernstämme des Libanon von hier nach dem Pharaonenland verschifft und aus Oberägyptens Granitsteinbrüchen wurden Säulen zum Bau der Tempel über Nil und Mittelmeer nach Byblos gebracht. Die Assyrer, die Perser unter Cyrus, die Griechen unter Alexander, die Römer, die Seleuciden, die Byzantiner herrschten nacheinander über Byblos und hinterließen ihre steinernen Spuren. Kreuzritter eroberten im 12. Jahrhundert Stadt und Hafen und Genueser bauten eine von vielen Wällen bewehrte Feste. Sie errichteten Johannes dem Täufer eine Kirche und Taufkapelle. Doch auch ihre Macht verging und die Araber eroberten Byblos, erbauten ihre Moschee, mussten den Türken weichen bis endlich seit 1943 die Libanesen sie ihrem Staat einverleibten. Du wirst verstehen, dass es immer mein Traum war, diese „älteste“ Stadt der Welt kennen zu lernen. Und diese lang gehegte Sehnsucht verwirklichte sich für mich am Donnerstag, den 23. November 1961, dem Verlobungstag meiner Eltern und der Bombennacht in Berlin, die unsere Wohnung zerstörte. Zerstörung erwartete mich auch in Byblos.
Aber schon die Fahrt dahin bot eine Fülle interessanter Eindrücke. Die sehr gute Fahrstrasse führt an der Küste entlang, oft von mächtigen Eukalyptusbäumen oder Ölbaumbeständen gesäumt. Die Apfelsinenbäume sind voll von Früchten. In den Hausgärten blühen Rosen, Astern. Weihnachtssterne und Bougainvilla. Die Gemüsefelder sind mit Tomaten, Kletterbohnen, Gurken und Kohl bestellt, oft mit Bananenpflanzungen abwechselnd. Palmen gibt es nur spärlich. Die Strasse kreuzt unzählige Male die nicht geschützten Eisenbahngleise, an denen Totenköpfe mit gekreuzten Gebeinen und arabischen Schriftzügen dem Fahrer drohen. Aber es ist nicht so schlimm, wie es ausschaut, da nur einmal täglich ein Zug und der Gegenzug zur Türkei fährt und man wohl seine Fahrzeiten kennt. Die Buntheit der Religionen im Libanon wird durch die diversen Gotteshäuser an der Strasse gut illustriert. Zunächst die Al Khode Moschee, wo der Ritter Georg die Stadt Beirut von dem greulichen Drachen befreite, dann zur rechten Hand die Kathedrale der armenischen Christen (50.000 Seelen hier), daher vielfach neben den arabischen und französischen auch armenische Inschriften. Dann eine Maronitenkirche mit großem Krankenhaus, darauf auf hohem Berg Notre Dame du Liban mit Madonnenstatue usw. Der kleine Hafen Tabarja mit steinigem Badestrand sehr malerisch und dann folgt das „Kasino“ des Landes, eine Art Monte Carlo. Von dem Umsatz der Spielbank fließen 65 % dem Lande als Abgabe zu. Dann erreichten wie Byblos. Zuerst besuchte ich die Kreuzfahrerburg, deren große Steinquader ohne Mörtel gefügt sind und vielfach phönizische, ägyptische, griechisch-römische Kultbauten als Baumaterial nahmen, während die Gewölbedecken der Araberzeit aus viel kleineren Steinen zusammengesetzt sind.
Byblos – Zeigenössische Aufnahme
Die Kletterei auf den unbequemen und unbeleuchteten Stufen war nicht ohne Anstrengung. Von der Plattform der Burg sah man deutlich fünf Wälle, die den verschiedensten Zeitepochen und Baumeistern angehören. Die Franzosen haben ein großes Ausgrabungsfeld angelegt. Du siehst die Reste des phönizischen Tempels des Gottes El, der hier seit Urzeiten verehrt wurde und den die Griechen mit Chronos, dem Gott der Zeit identifizierten. Ägyptische und römische Tempelreste liegen frei, auch ein griechisch-römisches Amphitheater mit Bodenmosaiken. Aus den alten Küchen stammen ausgehöhlte schwarze vulkanische Steine, Vorratskammern mit runden Ölbehältern, dazwischen Trümmer ägyptischer Skulpturen und Grabsteine fesseln den Blick. Auch die alte Kreuzfahrerkirche und die verträumte Taufkapelle mit ihrer schönen Bogeneinfassung besuchte ich. Neben ihr backten arabische Frauen auf der Erde Brotfladen, die sie zuvor mit den Händen glätteten. Hochbefriedigt kehrte ich von Byblos heim und hoffe, dass dieser Bericht Dich etwas interessiert.
[1] Fotographie Nachlass E. W. Baader - Privatbesitz
[2] Fotographie Nachlass E. W. Baader - Privatbesitz
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