Monumento Nacional a la Bandera (National Flag Memorial) [1]
Rosario de Santa Fé
Sonntag, d. 18. Juni 1961
Der erste Kongresstag liegt hinter mir. Um 10 Uhr vormittags versammelte sich zu seiner Eröffnung eine illustre Gesellschaft, der Gouverneur der Provinz Santa Fé (ein Chirurg), ein halbes Dutzend der 34 (!) Minister der Provinz, die wie jede der 20 Provinzen Argentiniens eine eigene Regierung und Parlament besitzt, das konsularische Korps (Konsul von Brasilien, Frankreich, Spanien usw., nur der Deutsche Konsul fehlte, „da er sonntags mit seiner Familie auf seinem Landgut sich erholt“), die Ehrengäste und die meisten der 500 Teilnehmer des Kongresses. Ich saß auf dem Podium neben dem Gouverneur und hatte die Ehre, namens aller ausländischen Ehrengäste die Dankrede zu halten.
Die argentinische Nationalhymne stehend mitgesungen von der Versammlung eröffnete die Szene. Dann Rede von Reggi als Präsident des Organisationskomitees. Nach der Feier führten uns Wagen durch die sehr ausgedehnte, meist mit einstöckigen Häusern im alten spanischen Kolonialstil bebaute Stadt – sie soll laut Aussage des Deutschen Konsuls die Flächengröße von London bedecken – zum Paraná.
Mit Blick auf den Fluss liegt das mächtige Nationaldenkmal der argentinischen Flagge, die General Belgrano 1812 in Rosario zum ersten Mal entfaltete: blau-weiss-blau, die Farben des Himmels und der über das Land ziehenden Wolken.
Bildnis des argentinischen Anwalts, Politikers und Generals Manuel José Joaquín del Corazón de Jesús Belgrano (* 3. Juni 1770 in Buenos Aires; † 20. Juni 1820)
Mir wurde die besondere Ehre zuteil, einen mächtigen Kranz mit weißer Schleife und goldener Aufschrift „Kongress für Arbeitsmedizin“ in der Ruhmeshalle des Denkmals vor den Füssen der Bronzegestalt des Herrn General Belgrano niederzulegen, was mit Händeklatschen und zahlreichen Knipsern der Fotoleute quittiert wurde.
Die Zeitungen brachten zudem meine ganze Rede. Nachdem wir so dem Genius des Flaggengründers unsere Verehrung gezollt, ging es zu einem gemeinsamen Festschmaus in den Jockey Klub. Es gab unendliche Mengen Fleisch zu essen, von dem 6 verschiedene Tiere zusammengekocht waren. Ich aß ein Huhn, einen Rinderbraten, ein Schafsgehirn und danach gab es Bouillon, schließlich Früchte (Bergamotas) und Kaffee. Der Erfolg war, dass ich das Abendbrot ausließ. Aber alles sehr schmackhaft. Mein Platz war zwischen 2 Argentinierinnen spanischer Abstammung, die sich sehr für Dich interessierten und als ich Dein Bild zeigte, entzückt ausriefen, eine quappa (=füllige), das höchste Lob hier für eine Frauenschönheit. Sehr nett war der Gedanke, nach dem Essen auf der Pferderennbahn ein Rennen zu veranstalten mit dem Preis Prof. E. W. Baader (Deutschland). Aber bei der schneidenden Kälte – in Buenos Aires war sogar ein Elefant erfroren – hätten es weder die Pferde noch die Besucher in der offenen Bahn ausgehalten und so musste dieser Programmpunkt entfallen. Abends aber war Empfang beim spanischen Konsul Don José Antonio Urbina de la Quintana, der etwa 40 Würdenträger der Stadt und der Kirche mit uns Kongressehrengästen eingeladen hatte. Zwei der Kirchenmänner waren zugleich Ärzte (Psychiater), die die Seelen ihrer Schützlinge mit Psychoanalyse und Fegefeuer abwechselnd bedrohen können. Ein interessanter Abend.
Montag, d. 19. Juni 1961
Auch den zweiten Tag des Kongresses war ich sehr fleißig. Vormittags hörte ich den französischen Vortrag von Prof. Desoille (Paris), der ins Spanische übersetzt wurde. Nachmittags war eine große Stadtrundfahrt, die uns durch unendliche Straßenreihen niedriger Häuser und hübsche Parks führte. Manche Straßenzüge sind 5 Kilometer lang. In dem Autogewirr manchmal Pferdekarren mit Milchkannen, die wie in Sizilien lustig bunt bemalt sind. Abends um 8 Uhr dann mein Vortrag, so dass wir erst ½ 10 Uhr (hier die übliche Zeit) zum Abendessen kamen. Als wir uns dem Hotel näherten, war die Strasse für jeden Fahrverkehr abgesperrt. Den Hoteleingang bewachten 6 grimmig aussehende Indianer in weißen Hosen und hohen Schaftstiefeln mit Sporen sowie umgeschnalltem Revolver, die Leibgarde des argentinischen Staatspräsidenten Frondizzi. Auch in der Halle des Hotels Offiziere aller Waffengattungen mit Fangschnüren, Ordensschnallen und Sternen. Reggi stellte uns Ehrengäste, Senor Frondizzi vor, wodurch meine Sammlung südamerikanischer Landesväter bereichert wurde. Genauso wie beim früheren venezuelanischen Landesvater Perez Jimenez im Hotel Embajador in Ciudad Trujillo standen kräftige Männer mit schussfertig vor dem Bauch hängendem Maschinengewehr vor dem Zimmer Frondizzi's, das sich wie das meine im ersten Stockwerk befindet. Der Präsident wohnt in unserem Hotel, um am morgigen Nationalfeiertag, (20. Juni - Tag der Fahne) vor dem Dir schon beschriebenen Denkmal des Fahnengründers General Belgrano, eine patriotische Rede zu halten, Schwur zu leisten und eine Parade des Militärs, der Studenten und Schüler Rosarios abzunehmen. Die Nacht wurden wir noch zu einer folkloristischen Schau (Tänze der Kitschum-Indianer aus den argentinischen Nordprovinzen in ihren bunten Trachten) eingeladen. Ich zog mich um Mitternacht zurück.
Dienstag, d. 20. Juni 1961
Dritter Kongresstag. Wegen des Tages der Fahne fallen heute die Vorträge aus. Ich besuchte mit Ehepaar Prof. Schüler-Holzapfel das Museum der schönen Künste, einige gute alte Bilder, deutscher und holländischer Schule und ein eindrucksvoller Grecokopf, ferner eine interessante Sammlung südamerikanischer Maler und Bildhauer. Anschließend der kleine, aber gute Zoo. Im Park die originellen Flaschenbäume mit dickem Bauch und schwammigem Holz, hier borachos (=Trinker) genannt, die zugleich schöne porzellanweiße Blüten und gurkenartige Früchte mit weißer Baumwolle gefüllt haben, die zum Kissenstopfen verwendet werden. Mittags wohlschmeckendes Palmenmark mit rohem Schinken, ähnlich Bambusspitzen im Geschmack. Nachmittags Flussfahrt auf dem Paraná und seinen Armen. Die Fahrt bei bestem Frühlingswetter erinnerte mich oft an den Spreewald. Der Fluss führt 4 m Hochwasser, so dass die Wiesen meilenweit überschwemmt, die Häuser der Bauern wie Pfahlbauten auf Stämmen stehend, gleichfalls vom Wasser umspült, in dem Pferde, braune und schwarze Schweine weiden. Wie mir der Flussgendarm erzählte, sind in diesem Jahr schon über 500 Stück Vieh ertrunken. Die Flussufer säumen mächtige Weiden, in deren Gezweig die tonnenartigen Tonnester der Horneros und wilde Bienenkörbe hängen. Landschaftlich sehr interessant, dazu Tausende von Seerosen, jetzt im Winter freilich ohne Blüten. Nachts habe ich Loge zur Oper (Truppe aus Buenos Aires), doch ziehe ich es vor, Dir zu schreiben und dann früher schlafen zu gehen.
[1] Abbildung gemeinfrei. Photographer: Zuirdj; Licence: Public Domain; Datum 22. November 2005. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Rosario_monu_bandera.jpg. „Ich, der Urheberrechtsinhaber dieses Werkes, veröffentliche es als gemeinfrei“ – Zugriff: 21.9.2019.
[2] Gemälde um 1815. Sammlung Museo Municipal de Artes Plásticas Dámaso Arce de Olavarría, Buenos Aires, Argentina. Abbildung gemeinfrei; urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen.
[3] Fotographie – Aus dem Nachlass E. W. Baader; Privatbesitz